Der Himmel der Nacht des Mauerfalls
Am 9. November 1989, um 23 Uhr, drängten sich Tausende Berliner vor dem Brandenburger Tor und erklommen die Mauer, die ihre Stadt achtundzwanzig Jahre lang geteilt hatte. Diese Sternenkarte fängt die Sterne ein, die in dieser Nacht der Freude über Berlin leuchteten — der Himmel der wiedergewonnenen Freiheit, stiller Zeuge des Endes einer Epoche und der Geburt eines neuen Europas.
Historischer Kontext
Der Abend des 9. November 1989 begann auf die denkbar bürokratischste Weise. Während einer live übertragenen Pressekonferenz verkündete Günter Schabowski, Sprecher der DDR-Regierung, in beinahe beiläufigem Ton, dass DDR-Bürger nun frei die Grenzübergänge passieren könnten. Als ein Journalist fragte: «Ab wann gilt das?», blätterte Schabowski in seinen Unterlagen, zögerte und sprach dann die Worte, die die Welt verändern sollten: «Sofort, unverzüglich.» Es war 18:57 Uhr.
Innerhalb von Minuten verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer durch beide Hälften Berlins. Die westdeutschen Fernsehsender, die im Osten seit Jahren heimlich empfangen wurden, übertrugen die Ankündigung. Tausende Ostberliner strömten zu den Grenzübergängen, zunächst ungläubig, dann zunehmend entschlossen. Die Grenzsoldaten, überfordert und ohne klare Befehle, begannen kurz vor Mitternacht die Schlagbäume zu öffnen.
Am Brandenburger Tor entfaltete sich die ikonischste Szene. Dieses neoklassizistische Monument, seit 1961 Symbol der Teilung, stand plötzlich im Herzen der Wiedervereinigung. Von beiden Seiten der Mauer strömten Menschenmassen zusammen. Fremde umarmten einander und weinten. Sektflaschen wanderten von Hand zu Hand. Junge Menschen erklommen die Mauer und begannen mit Hämmern und Spitzhacken auf sie einzuschlagen, wobei sie Betonstücke herausbrachen, die zu den symbolträchtigsten Relikten des zwanzigsten Jahrhunderts werden sollten.
Über dieser Szene des Jubels entfaltete der Berliner Novemberhimmel seine Herbststerne. Das Sternbild Pegasus beherrschte den Zenit, sein Großes Quadrat leicht erkennbar am klaren Himmel. Andromeda erstreckte sich nach Nordosten und trug in ihren Armen die fernste mit bloßem Auge sichtbare Galaxie — eine andere Welt, 2,5 Millionen Lichtjahre entfernt, gleichgültig gegenüber irdischen Grenzen. Der Schwan tauchte zum westlichen Horizont hinab, sein leuchtendes Kreuz sich neigend, als verbeuge er sich vor dem Ende einer Ära.
Kassiopeia zeichnete ihr charakteristisches W hoch am nördlichen Himmel, während der Polarstern mit gewohnter Beständigkeit nach Norden wies — der einzige fixe Punkt in einer Welt im Umbruch. Die Plejaden stiegen im Osten auf, ihr Sternhaufen funkelnd wie ein Feuerwerk am Firmament. Aldebaran, das rötlich glühende Auge des Stiers, folgte ihnen beim Aufstieg.
Für die Berliner, die in dieser Nacht zum Himmel blickten, hatten die Sterne eine besondere Bedeutung. Achtundzwanzig Jahre lang hatte derselbe Himmel beide Berlin bedeckt, die Barriere aus Beton und Stacheldraht ignorierend, die Familien, Freunde und Liebende trennte. Die Sternbilder hatten nie eine Mauer gekannt. Orion ging gleichermaßen über Kreuzberg und Friedrichshain auf. Der Große Bär schüttete seine Sterne über den Kurfürstendamm ebenso wie über den Alexanderplatz.
In dieser Nacht blickten Ost- und Westberliner zum ersten Mal seit dem 13. August 1961 gemeinsam in denselben Himmel, Seite an Seite, ohne Stacheldraht zwischen ihnen. Familien, die seit Jahrzehnten getrennt waren, fanden unter den Sternen wieder zusammen. Großeltern trafen Enkelkinder, die sie nie gesehen hatten. Geschwister fielen einander in die Arme, unfähig zu sprechen, so überwältigt waren sie von der Emotion.
Der Cellist Mstislaw Rostropowitsch, der die Nachricht in seinem Pariser Hotel erfuhr, nahm das erste Flugzeug nach Berlin. Am nächsten Tag setzte er sich an den Fuß der Mauer und spielte Bachs Cellosuiten, Tränen auf den Wangen. Die Musik stieg empor zu demselben Himmel, der in der Nacht zuvor stiller Zeuge der größten spontanen Feier der europäischen Geschichte gewesen war.
Der Fall der Berliner Mauer war nicht nur das Ende der Teilung einer Stadt — er war das Signal für die Demontage des gesamten Eisernen Vorhangs. Innerhalb weniger Wochen brachen die kommunistischen Regime Osteuropas eines nach dem anderen zusammen: die Tschechoslowakei, Rumänien, Bulgarien. Ein Jahr später, am 3. Oktober 1990, war Deutschland offiziell wiedervereinigt. Zwei Jahre danach hörte die Sowjetunion selbst auf zu existieren.
Die Sterne, die in jener Nacht über dem Brandenburger Tor leuchteten, beleuchteten das Ende der bipolaren Welt, die 1945 in Jalta geboren worden war. Sie waren die stillen Zeugen eines Augenblicks, in dem die Geschichte kippte, in dem Millionen Menschen die Freiheit wählten und in dem eine Betonmauer sich als machtlos erwies gegenüber dem universellen Streben der Menschen, zusammen zu leben, ohne Grenzen, unter demselben Sternenhimmel.