Der Himmel der Nacht der Kronung Napoleons
Am 2. Dezember 1804 vollzog Napoleon Bonaparte unter den majestatischen Gewolben von Notre-Dame de Paris einen beispiellosen Akt in der Geschichte Frankreichs. Er nahm die Krone aus den Handen von Papst Pius VII. und setzte sie sich selbst aufs Haupt, womit er sich zum Kaiser der Franzosen erklarte. Diese Sternenkarte fangt das Firmament ein, wie es in jener Winternacht uber Paris erschien, als Frankreich in ein neues Zeitalter kippte — das des Kaiserreichs.
Historischer Kontext
Am 2. Dezember 1804 erlebte Paris einen der aussergewohnlichsten Tage seiner tausendjahrigen Geschichte. Seit der Morgendammerung waren die Strassen der Hauptstadt schwarz vor Menschen. Zehntausende Pariser und Provinzbewohner, die aus allen Ecken Frankreichs angereist waren, drangten sich entlang der Route von den Tuilerien zu Notre-Dame de Paris. Der kaiserliche Festzug von beispielloser Pracht durchquerte die Stadt unter donnerndem Beifall. Napoleon Bonaparte, der unbekannte Korse, der zum Herrn uber Europa geworden war, schickte sich an, die Kaiserkrone zu empfangen.
Notre-Dame war fur den Anlass verwandelt worden. Der Architekt Charles Percier und der Maler Jean-Baptiste Isabey hatten eine spektakulare Metamorphose der gotischen Kathedrale uberwacht. Vorhange aus karmesinrotem Samt, bestickt mit goldenen Bienen — dem Symbol der neuen Dynastie — bedeckten die Steinwande. Tausende Kerzen erhellten das Kirchenschiff und warfen goldenes Licht auf die Gesichter der neuntausend Gaste, die sich im Gebaude drangten. Papst Pius VII., eigens aus Rom angereist, sass in seinen weiss-goldenen Pontifikalgewandern nahe dem Altar.
Die Zeremonie begann gegen Mittag, doch der geschichtstrachttige Moment ereignete sich um vierzehn Uhr. Als der Papst sich anschickte, die Krone auf Napoleons Haupt zu setzen, nahm dieser sie ihm aus den Handen und setzte sie sich selbst auf die Stirn. Diese sorgfaltig geplante Geste sandte eine klare Botschaft an die gesamte Welt: Napoleon verdankte seine Macht niemandem — nicht dem Papst, nicht Gott, nicht dem Volk. Er war sein eigener Schopfer. Dann kronte er Josephine, die vor ihm kniete, Tranen in den Augen. Jacques-Louis David, der Hofmaler, verewigte diese Szene in einem Monumentalgemalde, das heute im Louvre hangt.
An jenem Abend, wahrend Paris in einem Rausch feierte, bot der Winterhimmel uber der Kathedrale ein Schauspiel von eisiger Schonheit. Die Dezembernacht brach fruh uber die Hauptstadt herein, und die Sterne durchstachen einen Himmel von tiefstem Schwarz. Das Sternbild Orion, der himmlische Krieger, stieg im Osten auf, wie ein Omen fur den Mann, der die Grande Armee durch ganz Europa fuhren wurde. Sirius, der Stern des Grossen Hundes, leuchtete mit beinahe ubernaturchlichem Glanz in der frischen Pariser Winterluft. Die Zwillinge beherrschten den Zenit, wahrend der Stier mit dem roten Auge des Aldebaran uber den Turmen von Notre-Dame thronte.
Die Milchstrasse erstreckte sich in einem blassen Bogen uber der Seine, ihre Milliarden Sterne formten ein himmlisches Diadem, das die irdische Krone widerspiegelte, die Napoleon soeben auf sein Haupt gesetzt hatte. Jupiter, der Konigsplanet schlechthin, leuchtete am Abendhimmel, als billige er diese kaiserliche Weihe. Die Plejaden, jener kleine Sternhaufen, den die Alten mit den Tochtern des Atlas verbanden, funkelten nahe dem Zenit wie ein himmlisches Juwel.
Napoleon war funfunddreissig Jahre alt. Zehn Jahre zuvor war er nichts weiter als ein unbekannter korsischer Artillerieoffizier gewesen. Funf Jahre vor der Kronung war er Erster Konsul. Nun war er Kaiser. Seine kometenhafte Laufbahn schien die Gesetze der politischen Schwerkraft zu trotzen, genauso wie Kometen den regularen Umlaufbahnen der Planeten trotzen. Und wie ein Komet wurde seine Herrschaft glanzvoll, aber vergangloich sein.
Die Kronung von 1804 markierte das endgultige Ende der Franzosischen Revolution und die Geburt einer neuen Ordnung. Die Republik, 1789 in Blut und Raserei geboren, wich einem Kaiserreich, das die Landkarte Europas neu zeichnen sollte. Der Code civil, wenige Monate zuvor verkundet, wurde Napoleon selbst uberleben und zum rechtlichen Fundament Dutzender Nationen werden. Die Prinzipien der Gleichheit vor dem Gesetz, der Gewissensfreiheit und des individuellen Verdienstes, im Schmelztiegel der Revolution geschmiedet, waren nun in den Marmor des Rechts gemeisselt.
Doch jene Sternennacht uber Notre-Dame trug auch die Keime der kommenden Tragodie in sich. Der Mann, der sich soeben zum Kaiser gekront hatte, wurde Frankreich in verheerende Kriege fuhren. Austerlitz, Jena, Wagram — blendende Siege, die Europas Grenzen neu zogen. Dann der Russlandfeldzug von 1812, die Beresina, Leipzig und schliesslich Waterloo 1815. In elf Jahren stieg das Napoleonische Kaiserreich auf und sturzte zusammen, Millionen Tote und einen verwandelten Kontinent hinterlassend.
Josephine, die Frau, die Napoleon an jenem Tag mit sichtbarer Zartlichkeit kronte, wurde funf Jahre spater aus Staatsrason verstossen, weil sie dem Kaiserreich keinen Erben geschenkt hatte. Sie starb 1814 in Malmaison, gebrochenen Herzens. Napoleon, nach Waterloo nach Sankt Helena verbannt, vertraute seinen Nachsten an, dass der Tag seiner Kronung der schonste seines Lebens gewesen sei.
Papst Pius VII., durch Napoleons Geste gedemutigt, blieb funf Jahre lang Gefangener des Kaisers, von 1809 bis 1814, und weigerte sich, dem kaiserlichen Willen nachzugeben. Diese Konfrontation zwischen weltlicher und geistlicher Macht erinnerte an die grossen mittelalterlichen Auseinandersetzungen zwischen Papsten und Kaisern, hier ausgefochten unter einem Sternenhimmel, der schon viele andere Kronungen in den Mauern von Notre-Dame miterlebt hatte.
Heute ladt uns diese Sternenkarte ein, zu denselben Sternen emporzublicken, die in jener grundenden Nacht uber Paris leuchteten. Derselbe Orion, derselbe Sirius, dieselben Plejaden, die Napoleons Weg erhellten, erleuchten noch immer unsere Winternachte. Kaiserreiche entstehen und vergehen, Kronen wechseln von Haupt zu Haupt, doch der Sternenhimmel bleibt bestehen, unverunderlicher Zeuge menschlicher Ambitionen und Torheiten.