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Der Himmel der Nacht des Vertrags von Versailles

Datum:28 Juni 1919
Ort:Schloss Versailles, Frankreich
Koordinaten:48.8049, 2.1204
Kategorie:Politik

Am 28. Juni 1919 unterzeichneten in der Spiegelgalerie des Schlosses von Versailles die Bevollmachtigten der alliierten Machte und Deutschlands den Vertrag zur Beendigung des Ersten Weltkriegs. Funf Jahre Blutvergiessen, zehn Millionen Tote, die Landkarte Europas neu gezeichnet. Diese Sternenkarte fangt das Firmament ein, wie es uber Versailles in jener Sommernacht erschien, als die Welt versuchte, ihre Wunden zu heilen — und bereits die Saat des nachsten Konflikts in sich trug.

Historischer Kontext

Am 28. Juni 1919, genau funf Jahre nach der Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand in Sarajevo — dem Funken, der die Welt in Brand gesetzt hatte — versammelten sich die Vertreter von zweiunddreissig Nationen im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles, um den folgenschwersten Vertrag des zwanzigsten Jahrhunderts zu unterzeichnen. Der Grosse Krieg, wie man ihn damals nannte, war vorbei. Doch der Frieden, der an diesem Tag geboren wurde, trug die Saat einer noch schrecklicheren Katastrophe in sich.

Der Spiegelsaal, Meisterwerk der Barockarchitektur, dreiundsiebzig Meter lang, erleuchtet von dreihundertsiebenundfunfzig Spiegeln, die das Licht von zwanzigtausend Kerzen reflektierten, war mit klarer symbolischer Absicht gewahlt worden. In eben diesem Saal war am 18. Januar 1871 Wilhelm I. nach der franzosischen Niederlage im Deutsch-Franzosischen Krieg zum Deutschen Kaiser ausgerufen worden. Achtundvierzig Jahre spater zwang Frankreich ein besiegtes Deutschland, im selben Saal seine Kapitulation zu unterzeichnen. Die Revanche war vollzogen.

Der Vertrag war drakonisch. Deutschland verlor dreizehn Prozent seines europaischen Territoriums und zehn Prozent seiner Bevolkerung. Elsass und Lothringen kehrten zu Frankreich zuruck. Westpreussen und Posen gingen an Polen, das nach hundertdreiundzwanzig Jahren Abwesenheit von der Landkarte wiederauferstanden war. Das Saarland wurde unter internationale Verwaltung gestellt. Die deutschen Kolonien wurden unter den Siegern aufgeteilt. Die deutsche Armee wurde auf hunderttausend Mann beschrankt, ohne Luftwaffe, ohne Panzer, ohne schwere Artillerie. Und vor allem schrieb Artikel 231 — die beruchtigte "Kriegsschuldklausel" — Deutschland und seinen Verbundeten die alleinige Verantwortung fur den Konflikt zu und ebnete den Weg fur kolossale finanzielle Reparationen.

An jenem Abend, wahrend die Delegationen Versailles verliessen und die grossen Wasserspiele des Schlosses zur Feier spielten, bot der Sommerhimmel uber dem Palast ein prachtiiges Schauspiel. Die Sonne ging spat unter an diesem Ende des Juni, und die Dammerung zog sich in einen langen goldenen Todeskampf hin. Die ersten Sterne erschienen gegen zweiundzwanzig Uhr, schuchtern am noch hellen Himmel.

Der Skorpion, mit dem roten Herzen des Antares, beherrschte den sudlichen Himmel. Dieser rote Riesenstern, dessen Name "Rivale des Mars" bedeutet — Mars, der Gott des Krieges — schien in dieser Nacht besonders passend, in der die Welt versuchte, den todlichsten Konflikt zu beenden, den die Menschheit je erlebt hatte. Der Schutze stieg ostlich des Skorpions auf, sein himmlischer Bogen auf das Zentrum der Milchstrasse gerichtet.

Jupiter, der Planet der Gerechtigkeit und Autorotat, leuchtete am Abendhimmel, als prasierre er uber der Unterzeichnung dieses Vertrags, der eine neue Weltordnung zu errichten beanspruchte. Die Leier, mit der strahlenden Wega, funkelte nahe dem Zenit, wahrend das Sommerdreieck — Wega, Deneb und Altair — sich am ostlichen Himmel zu formen begann, Verheissung warmer Nachte.

Der Grosse Bar sank nach Nordwesten, seine Sterne immer treu auf den Polarstern weisend. Arkturus, der Huter des Baren, leuchtete hoch am westlichen Himmel, sein orangefarbenes Licht kontrastierend mit dem blau-weissen Glanz der Wega. Die Milchstrasse, jener Fluss aus Licht, begann sich von Nordosten nach Sudwesten zu entfalten, den Himmel wie eine himmlische Narbe durchquerend — ein leuchtendes Echo der Schutzenjraben, die das Antlitz Europas verunstaltet hatten.

Georges Clemenceau, der "Tiger," Prasident der Friedenskonferenz und Hauptarchitekt des Vertrags auf franzosischer Seite, war siebenundachtzig Jahre alt. Dieser Mann, der die Niederlage von 1871 erlebt hatte, der wahrend der Belagerung von Paris Burgermeister von Montmartre gewesen war, der Frankreich als Ministerprasident 1917-1918 zum Sieg getragen hatte, betrachtete sein Werk mit Zufriedenheit, gemischt mit Unruhe. "Wir haben den Krieg gewonnen," hatte er gesagt, "jetzt mussen wir den Frieden gewinnen." Er wusste, dass dies schwieriger sein wurde.

Woodrow Wilson, der amerikanische Prasident, hatte seine Vierzehn Punkte und seinen Traum von einem Volkerbund mitgebracht, der Krieg unmoglich machen sollte. Doch der amerikanische Senat wurde sich weigern, den Vertrag zu ratifizieren, und die Vereinigten Staaten wurden dem Volkerbund nie beitreten, der Institution die Macht raubend, die zur Friedenssicherung notig war.

David Lloyd George, der britische Premierminister, navigierte zwischen den franzosischen Sicherheitsforderungen und seiner eigenen Uberzeugung, dass Deutschland nicht so zermalmt werden durfe, dass es zum Nahrboden fur Ressentiments wurde. Seine Sorge war berechtigt. Die Deutschland auferlegten Reparationen — 132 Milliarden Goldmark, eine astronomische Summe — wurden Inflation, Arbeitslosigkeit und Verzweiflung in der Weimarer Republik schuren und den Boden bereiten, auf dem der Nationalsozialismus keimen wurde.

John Maynard Keynes, der junge britische Okonom, der an den Verhandlungen teilgenommen hatte, trat aus Protest zuruck. In seinem prophetischen Buch "Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages," 1919 veroffentlicht, sagte er voraus, dass die Deutschland auferlegten Bedingungen zu einer wirtschaftlichen und politischen Katastrophe fuhren wurden. Die Geschichte sollte ihm auf tragische Weise recht geben.

Marschall Foch, Oberster Befehlshaber der alliierten Streitkrafte, sprach einen Satz, der noch heute nachhallt: "Das ist kein Frieden. Das ist ein Waffenstillstand fur zwanzig Jahre." Er hatte mit beklemmender Prazision vorhergesagt: Zwanzig Jahre und funfundsechzig Tage spater, am 1. September 1939, uberfiel Deutschland Polen.

Heute ladt uns diese Sternenkarte ein, zu denselben Sternen emporzublicken, die in jener Nacht falscher Hoffnung uber Versailles leuchteten. Derselbe Skorpion, dieselbe Wega, dieselbe Milchstrasse, die den Spiegelsaal erleuchteten, erleuchten noch immer unsere Sommernachte. Vertrage werden unterzeichnet und gebrochen, Reiche steigen auf und zerbrechen, Grenzen werden gezogen und neu gezogen, doch der Sternenhimmel bleibt bestehen, ungerührter Zeuge der menschlichen Versuche, Frieden auf den Ruinen des Krieges zu errichten.

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