Der Himmel der Ersten Nacht des Woodstock-Festivals
Am 15. August 1969 offnete auf Max Yasgurs Farm in Bethel im Bundesstaat New York das Festival seine Tore, das eine Generation definieren sollte. Vierhunderttausend Menschen, drei Tage Frieden und Musik, Hendrix, Joplin, The Who, Santana. Diese Sternenkarte fangt das Firmament ein, wie es uber den Catskills in jener Sommernacht erschien, als Musik und Sterne eins wurden — weniger als einen Monat nach den ersten Schritten der Menschheit auf dem Mond.
Historischer Kontext
Am 15. August 1969 begann auf einem hugligen, zweihundertvierzig Hektar grossen Grundstuck des Landwirts Max Yasgur in der kleinen Stadt Bethel, hundertssechzig Kilometer nordwestlich von New York City, das Ereignis, das zum Symbol einer ganzen Epoche werden sollte. Das Woodstock Music and Art Fair — "Three Days of Peace and Music" — war nicht dafur konzipiert, ein Mythos zu werden. Die Veranstalter Michael Lang, Artie Kornfeld, Joel Rosenman und John P. Roberts hatten gehofft, funfzigtausend Menschen anzuziehen. Es kamen vierhunderttausend.
Das Festival hatte bereits zweimal den Standort gewechselt, bevor es Zuflucht auf Yasgurs Farm fand. Die Stadt Woodstock, die ihm den Namen gab, hatte nie ein einziges Konzert ausgerichtet. Wallkill, der ursprunglich geplante Ort, hatte eine Verordnung erlassen, die die Versammlung verbot. Max Yasgur, ein neunundvierzigjuhriger republikanischer und konservativer Milchbauer, erklarte sich bereit, seine Weiden fur zehntausend Dollar zu vermieten. "Ich bin kein Hippie," wurde er spater sagen, "aber wenn die jungen Leute drei Tage Musik wollen, sollen sie sie haben."
Am Freitag, dem 15. August, waren schon bei Tagesanbruch die Strassen nach Bethel vollstandig blockiert. Eine ganze Autobahn wurde gesperrt. Verlassene Autos am Strassenrand erstreckten sich uber Kilometer. Die Menschen gingen zu Fuss, manchmal stundenlang, mit Schlafsacken und Proviant, und stromten auf dieses Feld, das fur drei Tage zur drittgrossten Stadt im Staat New York werden wurde.
Richie Havens eroffnete das Festival um 17:07 Uhr — nicht weil er als Erster vorgesehen war, sondern weil er der einzige Kunstler war, der das Gelande erreichen konnte — die anderen steckten im Stau fest. Er spielte fast drei Stunden lang und improvisierte "Freedom" in einem Moment purer Gnade, der zu einer der ikonischsten Performances der Rockgeschichte werden sollte.
An jenem Abend, wahrend die Akkorde von Sweetwater, Bert Sommer und Tim Hardin durch die Nacht hallten, bot der Sommerhimmel uber den Catskills ein Schauspiel von kosmischer Schonheit. Das Sommerdreieck — Wega, Deneb und Altair — beherrschte das Firmament, drei strahlende Sterne, die ein gewaltiges Dreieck uber der Menge bildeten. Wega, im Sternbild Leier, funkelte am Zenit, ihr blau-weisses Licht so rein wie die Tonen, die von der Buhne aufstiegen.
Die Milchstrasse durchquerte den Himmel von Ost nach West, ein Fluss aus Sternenlicht, sichtbar in seiner ganzen Pracht, weit weg von den Lichtern der Stadt. Fur diese vierhunderttausend Seelen, versammelt auf einem Feld, bildete die Milchstrasse einen himmlischen Bogen uber ihren Kopfen, wie ein naturliches Gewolbe uber dem grossten Tempel, den die Musik je gekannt hat.
Der Schwan, mit der strahlenden Deneb, breitete seine Flugel entlang der Milchstrasse aus, wie ein himmlischer Vogel uber dem Festival. Der Adler, mit Altair auf seinem Rucken, glitt weiter sudlich. Der Schutze, mit seinem Bogen auf das Herz der Galaxie gerichtet, stand tief am sudlichen Horizont, wahrend der Skorpion mit dem roten Herzen des Antares nach Westen sank.
Der Grosse Bar hing tief im Nordwesten, seine Sterne auf den Polarstern weisend. Arkturus, die Wache des Bootes, leuchtete im Westen, wahrend die ersten Herbststerne im Osten zu erscheinen begannen — Pegasus, das Grosse Quadrat, das den Jahreszeitenwechsel ankunderfigte.
Der Samstag sollte der grosse Tag werden. Santana, frisch aus San Francisco mit seiner Fusion aus Latin-Rock und afrikanischer Perkussion, elektrisierte die Menge in einer Performance, die legendar werden sollte. Carlos Santana, gerade zweiundzwanzig Jahre alt, hatte noch nicht einmal sein erstes Album veroffentlicht. Seine Darbietung von "Soul Sacrifice" bleibt einer der ekstatischsten Momente in der Geschichte der Live-Musik. Janis Joplin, die zerreissendste Stimme des Blues-Rock, betrat nachts die Buhne, ihre rohe und emotionale Performance fesselte Hunderttausende von Zuschauern.
The Who spielten in den fruhen Morgenstunden des Sonntags. Pete Townshend zertrummerte seine Gitarre, Roger Daltrey schrie in die Sternennacht. Irgendwann versuchte Abbie Hoffman, der politische Aktivist, die Buhne zu sturmen, um eine Rede zu halten. Townshend schlug ihn mit dem Hals seiner Gitarre und schickte ihn zuruck ins Publikum. "The next time someone steps on my stage, I'll kill him," knurrte er. Rock and Roll hatte keine Zeit fur Politik.
Dann kam der Regen. Samstagabend brach ein heftiges Gewitter uber das Gelande herein und verwandelte die Weiden in ein Meer aus Schlamm. Die Menschen tanzten im Regen, rutschten im Schlamm aus, lachten. Es gab keine Gewalt. Keinen Aufstand. Keine Panik. Vierhunderttausend Menschen, nicht genug Essen, nicht genug Toiletten, nicht genug Unterstande, und dennoch — Frieden. Hubschrauber der US-Armee, die normalerweise uber Vietnam flogen, lieferten Nahrungsmittel und evakuierten Kranke.
Am Montagmorgen, dem 18. August, als sich die Menge erheblich gelichtet hatte, betrat Jimi Hendrix die Buhne. Er hatte am Sonntagabend spielen sollen, aber angesammelte Verzogerungen hatten seinen Auftritt um zwolf Stunden verschoben. Vor vielleicht dreissigtausend Menschen — einem Zehntel der Spitzenbesucherzahl — lieferte Hendrix eine der aussergewohnlichsten Darbietungen der Musikgeschichte. Seine Interpretation von "The Star-Spangled Banner" auf der E-Gitarre, verzerrt, mit heulendem Feedback, imitierte Bomben, die auf Vietnam fielen, Krankenwagensirenen, das Chaos einer Nation im Krieg mit sich selbst. Es war gleichzeitig ein Akt des Patriotismus und des Protests, der Zerstorung und der Schopfung.
Woodstock war nicht nur ein Konzert — es war der Hohepunkt der Gegenkultur-Bewegung der 1960er Jahre. Die Hippie-Bewegung, in San Francisco geboren, hatte sich uber Amerika und die Welt verbreitet. "Make love, not war" — dieser Slogan, geboren in den Protesten gegen den Vietnamkrieg, fand seine perfekte Verkorperung in dieser friedlichen Versammlung von Hunderttausenden junger Menschen.
Weniger als einen Monat zuvor, am 20. Juli, hatte Neil Armstrong den Mond betreten. Das Amerika von 1969 wurde zwischen zwei Extremen zerrissen: fahig, einen Menschen auf eine andere Welt zu bringen, aber verstrickt in einen Krieg, den niemand zu beenden schien. Woodstock war die irdische Antwort auf Apollo 11 — wenn Amerika den Mond erreichen konnte, konnte es nicht auch den Frieden erreichen?
Heute ladt uns diese Sternenkarte ein, zu denselben Sternen emporzublicken, die wahrend dieser drei Tage des Friedens und der Musik uber Bethel leuchteten. Dasselbe Sommerdreieck, dieselbe Milchstrasse, derselbe Schwan, der seine Flugel uber vierhunderttausend Seelen ausbreitete, erleuchten noch immer unsere Sommernachte. Festivals vergehen, Lieder bleiben, und der Sternenhimmel bleibt bestehen, ewiger Zeuge jener Momente, in denen Musik und Sterne eins wurden.